#In den Schuhen eines anderen

Sei außer - gewöhnlich

#In den Schuhen eines anderen

7. Oktober 2019 Blog 4

Wie oft verurteilst du einen anderen Menschen oder übernimmst Partei für eine Problematik, ohne vorher zu überlegen, warum der Mensch so gehandelt hat und nicht anders. Nimmst du dir die Zeit einen Moment darüber nachzudenken, was seine Sicht der Dinge gewesen sein könnte? Oder nimmst du dir die Zeit den Gedanken zuzulassen, dass der Mensch seine Gründe haben wird, so zu handeln, so zu sein oder sich so zu zeigen?

Ist ein Obdachloser für dich einfach ein nichtsnutziger Penner? Hast du schon mal einen nach seiner Geschichte gefragt?

Was wäre, wenn wir einmal in den Schuhen eines anderen laufen könnten. Würde das unser Verständnis für andere verändern?

Mensch neigen dazu, andere in ihre Anschauung ihrer Lebenswelt mit reinzuziehen. Ich denke so, dann ist das für dich auch richtig. Wir messen nach meinem Maßstab.

Jemand fällt im Seminar auf, indem er sich nicht einbringt und jede Pause vor die Tür hastet, um wegzugehen und zu rauchen. Es dauerte nicht lange, da kamen Gespräch auf wie: Der sollte mal weniger qualmen. Der bringt sich nie ein, was will er hier. Totales Wegschieben von Verantwortung, der ist hier total falsch. Der hat eine total destruktive Energie, ich bin froh, dass er nicht hier ist.

In einer Aufstellung wurde er dann von mir ausgewählt und er überzeugte mit viel Einfühlungsvermögen und Klarheit. In der Abschlussrunde sagte der dann: „Ich bedanke mich dafür, dass ihr mich heute ausgehalten habt. Mein Sohn ist vor 6 Monaten bei einem Unfall gestorben und ich bin immer noch voller Schmerz. Es zieht mich und meine Frau runter und manchmal glaube ich vor Schmerz sterben zu müssen. Ich hab mir heute ansehen wollen, wie Aufstellungen funktionieren, und wie weit ich mich schon in Gruppen öffnen kann. Danke.“  

Sofort war Verständnis für ihn da und die Arme und Herzen waren offen. Aber erst, nachdem er sich erklärt hatte und von seinen Sorgen berichtete. Das alles war schon vorher da. Die Spitze des Eisberges, also dass, was er uns gezeigt hatte, war verschlossen und abgeschirmt. Er konnte uns nicht an sich heran lassen, weil er keine Kraft mehr für Auseinandersetzung hatte.

Dieser Mann ist kein Einzelfall. Jeder hat seine Geschichte und kaum einer zeigt sie offen. Das muss auch nicht sein. Aber was sein könnte, wäre mehr Verständnis dafür, dass jeder seine Geschichte hat und sein Verhalten mit Sicherheit ein Resultat dessen ist.    

Können wir nicht einfach erst mal an das Gute in den Menschen glauben? Wir könnten den anderen ansehen und denken… er wird schon seine Gründe dafür haben, dass er sich gerade so benimmt/gibt/zeigt. Und gut ist! Mit einen Vorschuss an Verständnis auf andere schauen… das gefällt mir.

4 Antworten

  1. Matthias sagt:

    Liebe Katrin, dieser Beitrag hat mich sehr angesprochen und berührt. Genauso ist es. Wie oft urteilen wir über das Verhalten eines Menschen, ohne den wahren Grund dafür zu kennen. Es ist ganz egal, worum es geht. Ich erlebe das auch im Alltag oft. Oft würde ich mir auch wünschen, eine Erklärung für das für mich nicht nachvollziehbare Verhalten einer Person zu bekommen, aber das setzt im Zweifel voraus, dass ich die Möglichkeit dazu bekomme. Grundsätzlich weiß ich aber, dass genau dieses sich in den anderen hineinversetzen in vielen Beziehungen helfen könnte, Verständnis aufzubauen. Die Wirklichkeit geht Dir doch oft so aus, dass Reaktionen auf ein Verhalten erfolgen, ohne das überprüft wird, ob es tatsächlich so z.b. negativ genau gemeint war.

    • Kathrin sagt:

      Lieber Matthias. Ich danke dir für deinen Kommentar.
      Wenn dir ein anderer ein missverständliches Verhalten gegenüberbringt, heißt das noch nicht, dass es tatsächlich mit dir zu tun hat. Vielleicht projiziert er etwas auf dich. Frag dich, ob es einen Grund für sein Verhalten dir gegenüber gibt. Wenn nicht, lass los. Sei selbstbewusst genug dir zu sagen: ich bin ein guter Mensch. Mit dem Verhalten des anderen habe ich nichts zu tun. Und lass ihn damit ziehen. Wenn dir jemand einen Handschuh zuwirft, musst du ihn noch lange nicht aufnehmen, vielleicht passt er dir gar nicht.
      Du scheinst ein Mensch zu sein, der es gut meint mit anderen, der aufmerksam ist und respektvoll.
      Bleib auf deinem Weg! Alles Gute dir, Kathrin

      • Matthias Lotz sagt:

        Liebe Kathrin, hab ganz herzlichen Dank für diese Antwort auf meinen Beitrag. Du hast mir damit etwas ganz Wichtiges gesagt, nämlich dass ich nicht jeden Handschuh, den mir jemand hinwirft, aufnehmen muss. Was meine konkrete Situation in der Schule anbelangt, sehe ich das ganz deutlich, dass mein Verhalten bei der Lehrerin etwas ausgelöst hat, was nicht mit mir zu tun hat, sondern was etwas mit ihr zu tun hat. Wenn ich krampfhaft versuche, gleichwohl eine Balance herzustellen, die sie jedoch vielleicht gar nicht gewünscht ist, muss ich scheitern. Dein Rat, loszulassen, ist sehr hilfreich für mich. Denn genau das brauche ich jetzt vielleicht wirklich, um wieder in mein eigenes Gleichgewicht zu kommen. Hab vielen herzlichen Dank dafür, es ist schön, dass wir uns hier begegnet sind.

        Alles Liebe, Matthias

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